Bestand Landeskirchliches Archiv Stuttgart, G 501 - G 501 - Evangelisches Pfarramt Grunbach

Bereich "Identifikation"

Signatur

Landeskirchliches Archiv Stuttgart, G 501

Titel

G 501 - Evangelisches Pfarramt Grunbach

Datum/Laufzeit

Erschließungsstufe

Bestand

Umfang und Medium

Bereich "Kontext"

Bestandsgeschichte

===== Ortskirchengeschichte =====<br /><br /><br />Bis vor Kurzem wurde angenommen, dass der erste urkundliche Nachweis des Ortsnamens in einer Schenkungsurkunde vom 22. April 1142 zu finden ist. Darin vermacht der Schwabe Bertold, dem Stand der Freien angehörig, sein ganzes Vermögen dem Stift vom Heiligen Grabe in Jerusalem. Einer der in dieser Urkunde erwähnten Zeugen ist Conradus de Conronbach, ein Mitglied des damaligen Ortsadels, der zusammen mit anderen schwäbischen Palästinapilgern an einem Kreuzzug teilnahm. Neuere Forschungen kommen aber zu dem Ergebnis, dass auch der bereits in der Stiftungsurkunde zur Erneuerung des Klosters Hirsau im Jahr 1075 als Zeuge genannte Buobo de Gruenbach zum gleichen Stamme dieses Ortsadels gehörte, womit die erste Namensnennung bereits 67 Jahre früher erfolgte.<br />Für das Jahr 1238 ist erstmals ein Leutepriester in Grunbach erwähnt, sowie für 1238 und 1273 ein Decanus de Grunbach im damaligen Bistum Konstanz. In der Auflistung der Güter des Klosters Backnang von 1245 werden Ländereien, Weingärten und eine Kelter im Ort Grumbach erwähnt, ebenso findet sich ein Dokument vom 22. Juli 1293, in dem Graf Eberhard von Württemberg dem Kloster Lorch seinen Schutz zusagt. Diesem Kloster räumte Graf Ulrich 1328 noch das Recht und den Gebrauch einer Kelter in Grunbach ein. Auch die Herren von Urbach und das Schorndorfer Spital besaßen 1425 Güter und Gefälle am Ort. Im Jahr 1585 erhielt das Göppinger Spital die Erlaubnis zur Erbauung einer eigenen Kelter auf dem Osterberg, auf dem es Weinberge besaß.<br />In diesem offensichtlich recht wohlhabenden Weinbauort wurde im 15. Jahrhundert eine, mit einem gotischen Chor und massivem Turm versehene Kirche im nördlichen Ortsteil neu erbaut. Sie ist von einer hohen, an die Hanglage angepassten Einfriedungsmauer des einstigen Friedhofes umgeben und trägt über dem südlichen Eingangsportal die Jahreszahl 1481, vermutlich das Datum der Weihe. Auf dem Schlussstein des gotischen Chorgewölbes sehen wir das Bild des Heiligen St. Dionysius, dem dieser Bau geweiht wurde und nach dem sie bis heute benannt wird. Bei Renovierungsarbeiten 1964 fanden die Archäologen unter dem Fußboden im Innenraum der Kirche Hinweise auf eine romanische Vorgängerkirche, aus der sich bis heute ein Taufstein erhalten hat, der im Innenraum der Kirche aufgestellt ist und auf die Zeit 1150-1200 datiert wird. Es wird jedoch angenommen, dass bereits im 8. Jahrhundert eine kleine, aus Holz erbaute Kapelle an gleicher Stelle stand, da die Namen der örtlichen Schutzpatrone St. Veranus, St. Vincentius und St. Dionysius auf eine Verbindung zu den westfränkischen Klöstern der Merowinger- und Karolingerzeit hinweisen. Auch im Sigel des bereits erwähnten Decanus de Grunbach aus dem 13. Jahrhundert findet sich bereits das Bildnis des St. Dionysius.<br />Im Chor der Dionysiuskirche ist eine Grabplatte von 1517 zur Erinnerung an Johannes Lyns aus Winnenden aufgestellt, in dessen Amtszeit wohl die Fertigstellung erfolgte und der vermutlich einer der letzten Priester vor der Reformation war. Eine 1871 angefertigte Tafel nennt die Namen sämtlicher Pfarrer seit der Reformation und beginnt mit Christoph Sax (1551-1568), wobei in den Archivalien noch Hinweise auf die Pfarrer Georg Currer (1536), sowie Hans Wezel (1538) zu finden sind. Seit der Reformation in Württemberg 1534/35 gehört die Pfarrei mit der Filiale Osterhof zur Spezialsuperintendenz bzw. zum Dekanat des Oberamts Schorndorf und seit dessen Aufhebung 1938 zum Landkreis Waiblingen, heute Rems-Murr-Kreis.<br /><br /><br />===== Der Archivbestand =====<br /><br /><br />Die historische Überlieferung der Kirchengemeinde Grunbach gliedert sich in die drei Hauptgattungen Bände, Akten (ältere Abteilung und jüngere Abteilung) und Rechnungsunterlagen. Ergänzt wird der Bestand durch die Archivalien des Krankenpflegevereins und durch eine kleine genealogische Sammlung. Er umfasst insgesamt 308 Bestellnummern, was 9 laufenden Regalmetern entspricht. Den größten Umfang nehmen dabei mit 160 Bestellnummern die Rechnungsunterlagen ein, die mit dem Jahr 1716 bzw. 1724 einsetzen.<br />Von 1634 bis zur Einführung der Standesämter 1876 wurden insgesamt 21 Kirchenbücher angelegt, in denen die Pfarrer die stattgefundenen Taufen, Hochzeiten, Konfirmationen und Sterbefälle registriert haben. Jeremias Heinrich (1637-1655) aus Urbach verdanken wir das ältestes Kirchenbuch, das er im Jahr 1637 aus den ”Trümmern der Verwüstung von 1634“ neu erfasst und rekonstruiert hat. Seine Aufzeichnungen beginnen mit den von Christoph Sax seit 1558 vorgenommenen Kindertaufen sowie den Heiraten ab 1586 und sind, trotz der schlimmen Zerstörungen im 30jährigen Krieg, bis auf ca. 8 Fehljahre weitgehend vollständig.<br />Ein Stiftungsverzeichnis im Aktenbestand reicht bis in das Jahr 1589 zurück. Das älteste herzogliche Reskript stammt aus dem Jahr 1660. Den zeitlichen Schnitt zur Gegenwart bildet bis auf einzelne Ausnahmen das Jahr 1966. 1967 wurde der Einheitsaktenplan der württembergischen Landeskirche eingeführt, der den Registraturplan für die Pfarrämter (1901-1966) ablöste. Dieser bildete zugleich die Vorlage für die Verzeichnung des jüngeren Aktenbestandes.<br />Aufgrund eines Kirchengemeinderatsbeschlusses vom 13. Juni 2007 wurden am 12. Juli 2007 das Pfarrarchiv dem Landeskirchlichen Archiv Stuttgart und die historische Pfarrbibliothek der Landeskirchlichen Zentralbibliothek zur Verwahrung und Verwaltung übergeben. Einzelne Archivalien wurden wegen Schimmelbefalls vor der Magazinierung begast. Im Auftrag der Kirchengemeinde Grunbach haben Rosemarie und Hermann Kull von September 2007 bis Februar 2008 das Pfarrarchiv erstmals im Landeskirchlichen Archiv geordnet und verzeichnet. Sammlungsgut (Fotos und Audio-Überlieferung) wurde in die einschlägigen archivischen Sammlungen integriert, was in den einzelnen Verzeichnungseinheiten dokumentiert wurde. Die Abschlussredaktion erfolgte im Juli 2008 durch Dr. Bertram Fink vom Landeskirchliches Archiv Stuttgart.<br />Bis auf die historischen Kirchenbücher können die Archivalien während der Öffnungszeiten des Landeskirchlichen Archivs im Lesesaal eingesehen und erforscht werden. Vereinzelt müssen dabei Sperrfristen beachtet werden. Die Originalkirchenbücher sind dagegen für die Benutzung aus Bestandserhaltungsgründen gesperrt. Dafür stehen allen Forscherinnen und Forschern die verfilmten Kirchenbücher im Mikrofilmlesesaal des Landeskirchlichen Archivs zur Verfügung, die auch ausgeliehen werden können (Filmnummern KB 987, 988, 989).<br /><br /><br />===== Das Pfarrarchiv als Quelle für die Heimat- und Familienforschung =====<br /><br /><br />Interessante Einblicke in die lokale Kirchengeschichte liefern insbesondere die Pfarrberichte, die zur Erleichterung des Visitationswesens von den Ortsgeistlichen verfasst wurden. Im ältesten erhaltenen Bericht beschreibt Johann Jacob Hegelmaier (1655-1687) in allen Details den Ablauf der kirchlichen Handlungen, beginnend mit dem Läuten der Kirchenglocken an Sonn- und Werktagen, der Gottesdienstordnung sowie den während seiner Amtszeit üblichen Ritualen bei Taufen, Beerdigungen etc.. Der Bericht hält sich exakt an die Reihenfolge der Fragen des ebenfalls aufgefundenen herzoglichen Reskripts. Pfarrer Johann Conrad Wagenmann (1795-1827) nennt in seinem Bericht an das Evangelische Consistorium 1821 neben der Einwohnerzahl auch die erfolgten Taufen, Beerdigungen, Heiraten sowie viele Details aus dem Alltagsleben seiner Gemeinde. Nicht zuletzt beschreibt er das Einkommen des Pfarrers, Mesners, Organisten und Heiligenpflegers. Er berichtet an seine Vorgesetzten sogar von den Schäden und Problemen, die durch die Einquartierung französischen Militärs vom Juli bis September 1796 in Grunbach entstanden waren. Diese konnte er, dank seiner guten französischen Sprachkenntnisse (er war 4 1/2 Jahre Hauslehrer in Lyon), in Grenzen halten. Die Schule, die Lehrer und der Provisor, das Unterrichtslokal, die Lerninhalte und Leistungen der Schüler werden in den Pfarrberichten ebenso beschrieben. Auch die Namen der Häuser und Teilnehmer an den vier damaligen ”Pietistischen Versammlungen“ sowie Aufzeichnungen über die Mitglieder der ”Neukirchlichen Gemeinschaft der Nazarener“ sind hier zu finden.<br />Gründer der ”Neukirchler“ oder ”Nazarener“ und ihr Prophet war der Seidenweber Johann Jacob Würz (1778-1858) aus Basel. In Württemberg gab es in den Gemeinden Haiterbach, Nagold und Entringen viele Anhänger. Dort kam auch ihr Grunbacher Sprecher Johannes Knauer, ein Müller und der Erbauer der ”Wartmühle“, in Kontakt mit der Sekte. Aus den vorhandenen Berichten ist zu entnehmen, dass alle Bemühungen der Amtskirche, die Kindstaufen der Laienbrüder sowie ihre Versammlungen und Beerdigungen zu unterbinden, erfolglos waren. Die über 120 Gemeindemitglieder im Dekanat Schorndorf setzten sogar 1849 bei der Obrigkeit die Gründung einer eigenen Schule in Grunbach durch. Im so genannten ”Weissen Haus“ in der Staigstr. 19 entstand ein Internat mit eigenem Lehrer, das bis 1869 Bestand hatte. Der Ortspfarrer, der diese Schule ebenfalls zu visitieren hatte, aber keinen Einfluss auf den Religionsunterricht nehmen durfte, berichtet neidvoll von den vergleichsweise viel besseren Leistungen und Kenntnissen der dort unterrichteten 20-30 Kinder aus dem Umland. Mitgliederlisten und Zeugnisse der heute in Grunbach nicht mehr existierenden Gemeinschaft sind im Pfarrarchiv einsortiert.<br />Die weitgehend vollständig erhaltenen Rechnungsbücher der Heiligen-, Stiftungs- und Kirchenpflege geben uns wertvolle Informationen über die Armenfürsorge und -pflege sowie über das Kirchenvermögen. In den Unterlagen sind wichtige Details zu Außen- und Innenumbauten der Kirche mit Turm, Glocken, Uhr sowie zur Orgel zu finden. Besonders zu erwähnen sind die Baupläne und Rechnungen zur großen Kirchensanierung von 1861 mit der Erweiterung der Emporen. Die Beilagen zu den Renovierungsarbeiten und Umbauten gewähren wertvolle Einblicke in die Arbeit der örtlichen Handwerkerschaft. Viele der Berufe sind heute verschwunden, anderen ist während der beginnenden Industrialisierung der Sprung zum Industriebetrieb gelungen.<br />Im vergangenen Jahrhundert haben insbesondere die Pfarrer Immanuel Daur (1912-1930) und Karl Hermann (1930-1951) sowie die Lehrer G. Rieder (1896-1909) und Reinhold Mack (1923-1929) intensive Heimat- und Ahnenforschung betrieben und uns ihre Aufzeichnungen hinterlassen. Es sind dies überwiegend Forschungen zu den Kirchenheiligen, zur Kirchengründung sowie zu ihren Amtsvorgängern. Die Quellenforschung zu den Anfängen des Ortes Grunbach wurde vor allem durch den Weingärtner Gottfried Seibold (1899-1983) betrieben, der neben seiner Erwerbsarbeit viel Zeit in Archiven verbracht hat. Aus diesem Fundus entstand ein historisches Grunbacher Heimatspiel, das erstmals 1933 sowie 1958 und 1971 mit großer Resonanz auf dem Kirchplatz aufgeführt wurde. Auch darüber finden sich Unterlagen und Bilder im Pfarrarchiv.<br />Unter der Korrespondenz im Bestand ragen die Briefe von Auswanderern nach Russland, Bessarabien und Amerika hervor, die von sehr unterschiedlichen Lebenserfahrungen berichten. Eine Besonderheit stellt das umfangreiche Reisetagebuch des 25jährigen Missionars Gottfried Illg dar, das dieser 1908 auf dem Weg zu seinem ersten Einsatzort in Kamerun (wo er bereits 1909 verstarb) erstellt und mit Postkarten und Bildern ergänzt hatte.<br />Im Pfarrarchiv befinden sich auch viele Briefe von Soldaten und Kriegsgefangenen aus dem Zweiten Weltkrieg an den Grunbacher Pfarrer. Da diesen nach Kriegsbeginn 1939 jeder Briefkontakt zu Gemeindemitgliedern im Feld untersagt war, antworteten die Freunde aus dem CVJM und Posaunenchor mit Rundbriefen.<br /><br /><br />===== Weitere Archivquellen =====<br /><br /><br />Landeskirchliches Archiv Stuttgart<br />- A 29 (Ortsakten) Bestell-Nr. 1717-1720, 2630<br />- A 129 (Ortsakten), Kirchengemeinde Grunbach<br />- Dekanatamt Schorndorf<br />- Bestände der Kirchenleitung<br /><br />Hauptstaatsarchiv Stuttgart<br />- A 281 Kirchenvisitation<br />- A 399 Schorndorf G<br />- Württembergische Regesten<br /><br />Staatsarchiv Ludwigsburg<br />- Oberamt Schorndorf<br /><br />Gemeindearchiv Grunbach<br />- kommunale Überlieferung<br /><br /><br />Unser Findbuch soll dazu beitragen, allen historisch Interessierten die Suche nach Informationen aus der Grunbacher Vergangenheit zu erleichtern.<br /><br /><br />Stuttgart, im Jahre 2008<br />Hermann und Rosemarie Kull<br />Dr. Bertram Fink

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Eingrenzung und Inhalt

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Zuwächse

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