Bestand Landeskirchliches Archiv Stuttgart, K 16 - K 16 - Studentenverbindung Nicaria

Bereich "Identifikation"

Signatur

Landeskirchliches Archiv Stuttgart, K 16

Titel

K 16 - Studentenverbindung Nicaria

Datum/Laufzeit

Erschließungsstufe

Bestand

Umfang und Medium

Bereich "Kontext"

Bestandsgeschichte

Geschichtlicher Hintergrund<br /><br /><br />Verbindungen in Tübingen<br /><br />Bereits im 16. Jahrhundert formierten sich erste studentische Zusammenschlüsse in Tübingen, z.B. die sogenannten Kränzchen, in denen sich landesfremde Studenten zusammenschlossen. Desweiteren existierten seit der Neuzeit Landsmannschaften, die sich an den ehemaligen Reichskreisen orientierten. Seit dem 18. Jahrhundert entstanden in Anlehnung an die Freimaurer studentische Orden.<br /><br />Studentenverbindungen im heutigen Sinne sind Erscheinungen des 19. Jahrhunderts. Mit dem in den napoleonischen Kriegen gewachsenen Nationalbewusstsein und der Formierung von landsmannschaftlichen Corps, stieß diese Entwicklung, zusammen mit der Forderung nach staatsbildenden Verfassungen, bei den Studenten auf Nährboden. 1815 bildete sich die erste deutsche Burschenschaft in Jena, dieser Gründung folgten in allen Studentenstädten zahlreiche weitere Vereinigungen, die ihren Modernisierungsforderungen u.a. auf dem Wartburgfest 1817 sowie auf dem Hambacher Fest 1834 Gehör verschafften. Im Zuge der Restauration wurden alle Studentenverbindungen verboten, erst mit den Erneuerungen der Revolution 1848/49 wurden sie offiziell anerkannt. Zu dieser Zeit waren 13 Verbindungen in Tübingen bekannt, obwohl sie noch offiziell verboten waren. Mitte der 1920er Jahre stieg deren Zahl auf rund 40 an, d.h. das v.a. in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine starke Gründungswelle zu verzeichnen war. Hierbei spaltete sich die Vielfalt der Verbindungen immer weiter auf: waren zu Beginn regionalbezogene Zusammenschlüsse verbreitet, ist die erste nicht farbentragende Verbindung überhaupt die 1857 gegründete Tübinger Stochdorphia, thematische Gründungen wie Musik- oder Sportverbindungen folgten ebenso wie ein Gründungsreigen nach der Reichsgründung 1871, als die Ausrichtung der Verbindungen zu sehr streng organisierten Zusammenschlüssen tendierte. Auch rein konfessionell ausgerichtete Verbindungen wie die 1863 gegründete katholische Guestfalia, oder die evangelische Verbindung Wingolf entwickelten sich. In dieser Phase ist auch die Entstehung der Nicaria anzusetzen.<br /><br />Erst in der Zeit des Dritten Reiches sind die nächsten starken Einschnitte für die Studentenverbindungen zu verzeichnen, diesmal allerdings vor anderem Hintergrund. Der bunten Tübinger Verbindungslandschaft stand wie allen deutschen Vereinigungen die Gleichschaltung bevor, der viele Verbindungen mit der Selbstauflösung entgingen. Im Untergrund oder auf inoffiziellen Bahnen überdauerten viele Verbindungen den Nationalsozialismus und konnten sich nach 1945 wieder gründen. Die neuzeitlichste Zäsur stellt die Auseinandersetzung über die Aufnahme von Studentinnen als Mitglieder in Studentenverbindungen dar, die jede Vereinigung für sich löste. Waren im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts dreiviertel aller Studenten verbindungsmäßig organisiert, ist diese Verbreitung heute verschwunden, gleichwohl existieren die Studentenverbindungen bis heute und prägen den studentischen Alltag.<br /><br /><br />Geschichte der Nicaria<br /><br />Der Geschichte der Studentenverbindung Nicaria begann im Jahr 1888 mit Zusammenschluss des "Tübinger Kreises", in dem sich befreundete Studenten, teils Mitglieder der Verbindung Uttenreuth, formlos zusammenschlossen. Am 15. Juli 1893 gründete sich die Verbindung Nicaria, um dem "Tübinger Kreis" eine feste Gestalt zu geben. Man konstituierte sich als nicht schlagende Verbindung mit dem griechisch geschriebenen Wahlspruch "Wahrhaftig sein in Liebe" aus dem Epheserbrief. Ab 1895 war die Nicaria aufgrund ihrer christlichen Verbindungsgrundlage offizielle Stiftsverbindung. Einzig die Entscheidung, ob man eine farbentragende oder ohne Erkennungsmerkmal auftretende Verbindung sein wolle, spaltete den Zusammenschluss. Als voll farbentragende Verbindung trat man seit 1898 auf und wählte für sich die Farben blau, weiß, gold. 1911 gründete sich der Philisterverein "Verein alter Tübinger Nicaren" wobei man Philister als ehemalige aktive Verbindungsmitglieder bezeichnet. Zudem konnte im selben Jahr ein Verbindungshaus in der Tübinger Neckarhalde 44 erstanden werden. Dem Militär schlossen sich mit Beginn des Ersten Weltkrieges viele Mitglieder enthusiastisch an, auch für Militäreinsätze der Weimarer Republik meldeten sich viele Studenten freiwillig zum Einsatz. In der Zeit des Nationalsozialismus veränderte sich auch das Studentenverbindungswesen: konnte man 1933 noch die Teutonia-Verbindung inkorporieren, musste sich die Nicaria im Zuge der Gleichschaltung der Studentenverbindungen am 23. Februar 1936 selbst auflösen. Überdies musste das Haus in der Neckarhalde verkauft werden - offiziell hörte die Verbindung auf zu existieren. Unter den Mitgliedern jedoch bestand die Vereinigung weiter, so dass man, angelehnt an den neuen Treffensplatz der Stube Baierland im Tübinger Stift, den Stiftskreis Baierland ins Leben rief. Während der Stiftskreis sogar neue Mitglieder aufnahm, musste sich am 31. Dezember 1938 auch der Verein alter Tübinger Nicaren auflösen. Selbst im Zweiten Weltkrieg, der aktive wie philistierte Mitglieder an die Kriegsfronten trieb, blieb der Kontakt über vervielfältigte, an den Frontabschnitten zirkulierende Strahlenbriefe erhalten.<br /><br />Auf der ersten Nachkriegszusammenkunft der Baierländer am 23. April 1946 beschloss man die Umbenennung des Kreises in "Christlicher Studentenkreis Neckarland". Mit der Wiedererwähnung des Neckars (lat. Nicaria) im Verbindungsnamen und der Anerkennung des Kreises durch die Universität Tübingen als Studentenverbindung stand der Umbenennung 1951 in "Akademische Verbindung Nicaria" nichts im Wege. Der Wiedereintritt in den während des Nationalsozialismus ebenfalls aufgelösten Schwarzburgbund sowie die Neukonstituierung des Philistervereins "Verband alter Tübinger Nicaren" (1952) gingen mit der ursprünglichen Namensausrichtung einher. Der Verlust des Hauses in der Neckarhalde war hingegen nicht umkehrbar, ein Neubau am Tübinger Österberg in der Schwabstraße konnte 1956 eingeweiht werden. Bereits 1969 erhielt das Verbindungshaus einen Erweiterungsbau. Von 1969 an waren außerdem Studentinnen als volle Verbindungsmitglieder zugelassen.<br /><br /><br />Daten zur Verbindungsgeschichte (nach Dr. Christoph Weismann)<br /><br />1888 - 1893: Tübinger Kreis<br />1893, 15. Juli: Gründung der Verbindung Nicaria<br />1894: - Freundschaftsverhältnis zum Schwarzburgbund<br />- "Grundsätze" und Einzelsatzungen werden verabschiedet<br />1898, 21. Mai: Nicaria = voll farbentragende Verbindung<br />1898, Mai/Juni: Eintritt in den Schwarzburgbund<br />1898, 2. Juli: Annahme des Wahlspruchs<br />1911: - Gründung des Vereins alter Tübinger Nicaren<br />- Kauf des Verbindungshauses in der Neckarhalde<br />1928: - Neufassung der "Grundsätze"<br />- neue Satzung 1930/1932<br />1936, 23. Februar: Selbstauflösung der aktiven Verbindung Nicaria<br />1936-1946: Bibelbruderschaft Baierland<br />1937: Verkauf des Verbindungshauses<br />1938, 31. Dezember: Auflösung des Vereins alter Tübinger Nicaren<br />1946, 23. April: - Erste Nachkriegszusammenkunft der Baierländer<br />- Umbenennung in "Christlicher Studentenkreis Neckarland"<br />1949: Satzung des Studentenkreises Neckarland<br />1950: Zulassung der Kreises als Studentenverbindung<br />1951: - Umbenennung in "Akademische Verbindung Nicaria"<br />- Wiedereintritt in den Schwarzburgbund<br />1956: Einweihung des neuerbauten Verbindungshauses in der Tübinger Schwabstraße 31<br />1969: - Aufnahme von Studentinnen als Vollmitglieder<br />- Erweiterungsbau für das Verbindungshaus<br /><br />---<br /><br />Bestandsgeschichte<br /><br /><br />Das Archiv der Studentenverbindung Nicaria befindet sich seit 1972 als Depositum im Landeskirchlichen Archiv Stuttgart, nachdem Teile des Bestands im Verbindungshaus beinahe einem Unwetter zum Opfer gefallen wären.<br /><br />Diese endgültige Sicherung markiert das Ende einer durch zahlreiche Verluste geprägte Bestandsgeschichte. Zu Beginn der Verbindungsexistenz war man sich der eigenen Überlieferungsbildung bewusst und beschloss 1891 offiziell die Gründung eines Verbindungsarchivs samt Archivwart, das als kleines Verbindungsamt regelmäßig vergeben wurde. Es wurde neben einer Archivsatzung sogar ein Aktenplan entworfen, auch erste Gegenstände musealen Charakters, z.B. Bierzipfel, wurden dem Bestand inkorporiert. Mit der Zeit des Ersten Weltkrieges verlor das Archiv an Bedeutung, mit dem Verkauf des Hauses 1937 wurde auch die Unterbringungsfrage akut. Man verbrachte das Verbindungsinventar samt Archiv in ein gemietetes Zimmer, ab 1939 verlieren sich allerdings die Aufbewahrungsspuren. Mit dem Bezug des Hauses in der Schwabstraße ist die Unterbringung vorläufig geklärt, jedoch scheinen erste Dezimierungen seit dem Zweiten Weltkrieg offenkundig. Die zunehmend verstreute Lagerung im Verbindungshaus, teils in Dachzimmern, teils in der Bibliothek führte zu weiteren Verlusten. So sind nachweislich sämtliche frühen Semesterberichte, Korrespondenz- und Kneipzeitungsbücher sowie Konventsprotokolle unauffindbar. Für das Verbindungsjubiläum 1983 wurde das Archiv erstmals neu geordnet und verzeichnet, die verwendeten Signaturen wurden bei der jetzigen Erschließung als Vorsignatur angegeben.<br /><br />Aufgrund des häufigen Wechsels der Unterbringungsorte und der unsachgemäßen Lagerungsbedingungen wurde bei der Neuerschließung zügig der Befall der Unterlagen mit Schimmelpilz festgestellt. Alle betroffenen Einheiten, es betrifft v.a. Schriftgut aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wurde durch Begasen sterilisiert.<br /><br />Auf Grundlage des Archivinventars von 1983 erfolgte von Herbst 2006 bis Frühjahr 2009 durch Maxi Sophie Eichhorn die mit dem Programm Faust 3/6 EDV-gestützte Erschließung des Bestandes. Die bereits gebildeten Akten wurden fortlaufend inhaltlich erfasst und über eine Klassifikation anschließend sachlich zusammengeschlossen. Dabei wurden zahlreiche Druckwerke ("Die Schwarzburg" Signatur: APQ/ 1297, der "Nicarenbrief" Signatur: AP/ 1410, das "Mitteilungsblatt des Vereins alter Nicaren" Signatur: AP/ 1410 sowie Druckschriften anderer Studentenverbindungen) an die Landeskirchliche Zentralbibliothek des Oberkirchenrats abgegeben. Museale Gegenstände, wie Textilien, ein Wappenschild oder gerahmte Bilder etc., wurden der musealen Sammlung im Landeskirchlichen Archiv übergeben. Das umfangreiche Fotomaterial wurde in Bildnissammlung des Landeskirchlichen Archivs integriert, darunter auch die Fotoalben U19, U20, U25-27. Der Bestand umfasst nunmehr 5 laufende Meter bei einer Laufzeit von 1866-1986.<br /><br />---<br /><br />Inhalt des Bestands<br /><br /><br />Der Bestand der Verbindung Nicaria birgt einiges Erwähnenswertes. Das Verbindungsarchiv an sich, mit der Abbildung des Verbindungsalltags, den Spannungen zwischen dem Philisterverein und den Aktivitas einerseits sowie den Auseinandersetzungen zum Schwarzburgbund andererseits, bietet einen nennenswerten Bestand. Auch die zahlreichen Fotos, aber v.a. die Korrespondenzen im Ersten und Zweiten Weltkrieg können als einzigartig hervorgehoben werden. Die Feldpostsammlung aus dem Ersten Weltkrieg besticht durch ihren Umfang, die sogenannten Strahlenbriefe des Zweiten Weltkrieges, welche als Kettenbriefe an den verschiedenen Frontabschnitten rotierten, sind eine Quellenrarität. Diese Art der Verständigung bzw. Kontaktbewahrung ist in Kriegszeiten ein besonderes Beispiel für den Zusammenhalt und die Bedeutung der Verbindung für jeden Einzelnen. Das die Mitteilungen im Krieg oft Ablenkung waren und Erinnerungen an alte Zeiten wachriefen, steht außer Frage. Aber auch die literarischen Zeugnisse des Pfarrers Siegfried Goes, der den Strahlenbriefen Gedichte anfügte, oder die Berichte in den Bummelliederbüchern sind beispiellos.<br />Zusammen mit weiteren Verbindungsarchiven im Landeskirchlichen Archiv Stuttgart sowie dem Archiv des Schwarzburgbunds im Bundesarchiv kann die Entwicklung eines losen Studentenverbunds zu einer fest organisierten, christlichen Studentenverbindung, deren Zusammenhalt über die Auflösung zu Kriegszeiten hinweg Bestand hatte, nachvollzogen werden.

Abgebende Stelle

Bereich "Inhalt und innere Ordnung"

Eingrenzung und Inhalt

Bewertung, Vernichtung und Terminierung

Zuwächse

Ordnung und Klassifikation

Landeskirchliches Archiv Stuttgart (Archivtektonik) >> K - Einrichtungen, Werke, Vereine

Bedingungen des Zugriffs- und Benutzungsbereichs

Benutzungsbedingungen

Reproduktionsbedingungen

In der Verzeichnungseinheit enthaltene Sprache

  • Deutsch

Schrift in den Unterlagen

    Anmerkungen zu Sprache und Schrift

    Physische Beschaffenheit und technische Anforderungen

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    Existenz und Aufbewahrungsort von Originalen

    Existenz und Aufbewahrungsort von Kopien

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    Bereich "Anmerkungen"

    Anmerkung

    Original description: Archivportal-D

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    Identifikator "Beschreibung"

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    Erschließungstiefe

    Daten der Bestandsbildung, Überprüfung, Löschung/Kassierung

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        Anmerkung des Archivars/der Archivarin

        Bereich Zugang